FRANZ JOSEF STOIBER

„Der Bau dieser Orgel hat eine Bewegung ausgelöst“

von Yvonne Hofstetter, 21.02.2026

Herr Professor Stoiber, Sie sind Domorganist in Regensburg, Hochschulprofessor für Orgel und Improvisation und noch bis 2027 Rektor der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik in Regensburg. Wie würden Sie selbst Ihren Weg beschreiben?

 

Ich stamme aus Oberpöring und bin über das bischöfliche Internat in Passau zur Musik gekommen. Als Schüler habe ich zunächst viele Instrumente gelernt – Klavier, Gitarre, Violoncello, ganz unterschiedliche musikalische Bereiche. Eine Spezialisierung gab es nicht. In der achten, neunten Klasse wurde ich schließlich vom geistlichen Direktor des Internats gefragt, ob ich den Orgeldienst im kleinen Internat übernehmen wolle. Dreimal in der Woche sollte ich die Messe auf der Orgel begleiten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keinen Orgelunterricht. Ich habe mir das Instrument dann innerhalb von zwei Jahren weitgehend autodidaktisch erarbeitet, später mit Unterstützung des Passauer Domorganisten Walther Schuster.

 

Mit etwa siebzehn Jahren kamen Sie erstmals nach Malgersdorf. Wie kam es dazu?

Der damalige Direktor des Internats stammte aus der Nähe von Malgersdorf und nahm mich an einem Freitagnachmittag mit, um mich dem Dorfgeistlichen, Pfarrer Walter Striedl, vorzustellen. Striedl hatte damals gerade die Orgel in der Malgersdorfer Pfarrkirche erbauen lassen. Für mich war die Orgel zunächst „auf dem Papier“ einfach nur eine große Orgel, die ich kennenlernen durfte; ihre Besonderheiten haben sich mir nicht sofort erschlossen. Sicher war aber, dass es sich um ein ungewöhnliches Instrument handelte, gerade für eine kleine Dorfkirche.

 

Was ist das Besondere an dieser Orgel?

Sie ist eine „Denkmalorgel“ und zugleich ein sehr deutlich geprägtes Instrument ihrer Entstehungszeit. Ihr Klangideal ist neobarock orientiert, mit hoch angesetzten Mixturen und ausgeprägten Obertonregistern, wie man sie heute nicht mehr baut, also mit „Klangkronen“, die dem Gesamtklang eine markante Kontur geben. Zum anderen die technische Anlage: eine Verbindung von Pfeifenwerk und elektrischen Elementen. Eine hybride Orgel, wie sie in Malgersdorf zu hören ist, kenne ich kein zweites Mal. Sie ist außergewöhnlich und kurios – und sie spiegelt sehr deutlich die Vorlieben ihres Initiators Striedl wider.

 

Auch Pfarrer Striedl hat Sie damals gefördert. Wie sah diese Förderung konkret aus?

Mit der Zeit wuchs die Freundschaft zwischen Pfarrer Striedl und mir. Gemeinsam haben wir Orgelfahrten unternommen, die uns bis nach Österreich führten. Auf diese Weise habe ich rund 300 Orgeln kennengelernt. Das schult natürlich, weil keine Orgel der anderen gleicht. Jede ist auf ihren Kirchenraum hin konzipiert. Außerdem hat Striedl Konzerte für mich organisiert und mir meine erste Schallplattenaufnahme ermöglicht – sie wurde in Malgersdorf eingespielt. Und nicht zuletzt hat er mir vermittelt, wie man Musik für Chöre schreibt, die keine professionellen Ensembles sind, wie man also Musik für Laienchöre so setzt, dass sie tragfähig ist und im konkreten Kirchenraum gut klingt. Auf diese Verbindung von musikalischem Anspruch und Realität habe ich in meinem späteren Berufsleben weiter aufbauen können. 

Franz Josef Stoiber studierte Klassische Philologie und Geschichte an der Universität Regensburg, Kirchenmusik und Musiktheorie an der Musikhochschule in Würzburg, Aufführungspraxis Orgelliteratur an der Hochschule für Musik in Stuttgart und Orgelimprovisation in Wien.

Nach dreijähriger Tätigkeit als hauptamtlicher Musikalischer Assistent am Dom in Würzburg folgte Stoiber 1989 einem Ruf als Dozent für Orgel und Musiktheorie an die Fachakademie für kath. Kirchenmusik und Musikerziehung, heute Hochschule für Katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg. 1996 wurde Franz Josef Stoiber zum Domorganisten am Dom St. Peter in Regensburg berufen; seit 1997 ist er auch als Orgellehrer bei den "Regensburger Domspatzen" tätig.

2003 erhielt Franz Josef Stoiber eine ordentliche Professur für Orgel (Schwerpunkt Liturgisches Orgelspiel/Improvisation) an der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg, die er von 2003 – 2011 als Rektor leitete. 2023 wurde Stoiber erneut zum Rektor der Hochschule gewählt.


Konzerte mit Schwerpunkt „Orgelimprovisation“, CD-Produktionen, Gastdozenturen, kompositorische Tätigkeit (u.a. 9 Messordinarien), Aufsätze und Buch-veröffentlichungen (u.a. „Faszination Orgelimprovisation – Ein Studien- und Übungsbuch“. (dt./engl) Verlag Bärenreiter) ergänzen seine Aktivitäten.


Seit 2022 veröffentlicht Stoiber Videos zur Orgelimprovisation auf seinem Youtube Kanal (@franzjosefstoiber4935), der weltweit große Beachtung findet.

2026 erscheint beim Verlag Bärenreiter ein Buch zur Klavierimprovisation, die Stoiber seit einigen Jahren an der Hochschule lehrt.

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Interview vom 21.02.2026
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Trotz dieser frühen Förderung haben Sie zunächst Klassische Philologie studiert. Warum?

Ich war durchaus ein Zweifler, auch wenn mich Striedl stets in höchsten Tönen lobte. Daher habe mich zunächst für ein geisteswissenschaftliches Studium entschieden. Doch auch während des Studiums an der Universität in Regensburg war ich musikalisch aktiv und habe einen Chor an der Universität gegründet. Am Ende hat sich gezeigt, dass meine eigentliche Berufung doch in der Kirchenmusik liegt.

 

Wenn Sie heute zurückblicken, welche Rolle spielt dann die Orgel in Malgersdorf?

In Malgersdorf habe ich nicht nur ein besonderes Instrument kennengelernt, sondern auch erfahren, was Engagement im Kleinen bewirken kann. Der Bau dieser Orgel hat damals eine Bewegung ausgelöst: die Gründung einer Kantorei, Konzerte, Besucher von außerhalb. Es entstand eine Dynamik, die weit über das Instrument hinausging. Man sollte daher alles unterstützen, was unsere Kultur erhält, speziell auf dem Land, wo Engagement und Verantwortung besonders sichtbar werden.

 

Welche Perspektive sehen Sie für die Malgersdorfer Orgel?

Bei einer Renovierung wird man sorgfältig abwägen müssen, was erhalten bleiben soll und wo gegebenenfalls behutsame Korrekturen sinnvoll wären. Gerade im Blick auf die Grundtöne stellt sich die Frage nach der klanglichen Balance. Aber ein kräftiger Fundamentklang braucht Platz – nur viel Platz dafür ist in einer Dorfkirche selten vorhanden; nicht ohne Grund hatte Striedl beim Bau der Orgel seinerzeit baulich eingegriffen, um dem Instrument Raum zu verschaffen. Zudem ist die Kombination von Pfeifenwerk und elektrischen Komponenten technisch anspruchsvoll. Pfeifen reagieren sensibel auf Temperatur und Luftfeuchtigkeit, während elektrische Elemente stabil bleiben. Auch das gehört in eine sachliche Renovierungsplanung.