ORGELGESCHICHTEN
von Yvonne Hofstetter, 24.05.2026

Ich bin die Kollbachtaler Domorgel. Ich steh jetzt bald ein halbes Jahrhundert da oben in St. Stephan zu Malgersdorf. Hoch oben mit all meinen Werken, mit Blick hinunter in den Kirchenraum, wo so vieles gekommen und gegangen ist, dass ein Menschenleben dafür oft gar nicht lang genug wäre.
Ich hab viel gesehen in all den Jahren. Pfarrer sind gekommen, Pfarrer sind gegangen. Manche leise, manche mit Schwung. Und einer war dabei, den sie bei euch heute noch den WaStrie nennen. Der hat mich geplant, mit mir gestritten, für mich gekämpft und mich so bauen lassen, wie er mich haben wollte, eigensinnig, groß, ein bisserl ungewöhnlich und mit ordentlich Klang im Leib. Ich glaub, wir zwei haben ganz gut zueinander gepasst.
Ich kenne diese Kirche besser als viele Menschen. Ich weiß, wie das Licht durch die Fenster fällt an einem Wintermorgen. Ich kenne den Geruch von Weihrauch und kaltem Stein. Ich kenne die Stille vor der Osternacht, wenn noch alles dunkel ist und keiner ein Wort sagt. Und ich kenne das erste Aufatmen, wenn dann oben vom Turm die Glocken anlaufen.
Ach, die Glocken, die alten Kameraden da droben im Kirchturm. Erst läuten sie über Dorf und Dächer hinaus, über Wiesen und den Kollbach, und wenn ihr Klang langsam ausklingt, dann bin ich dran. Dann darf ich antworten. Dann nehme ich ihren Ruf auf und trage ihn weiter hinein in die Kirche, in Gewölbe und Mauern, zu den Menschen und in die Herzen und Erinnerungen.
Und manchmal, wenn Festtag war, durfte ich selber mit meinen Glocken spielen. Mein eigenes Glockenspiel, hell und silbern, wie ein Lachen im Kirchenraum. Und dann wieder die Fanfaren: stolz, festlich, weit ausgreifend, dass es durch die Kirche fuhr und selbst der Letzte in der Bank aufgeschaut hat. So etwas vergisst eine Orgel nicht. Und ich sag’s euch ganz ehrlich: So möcht ich gern wieder erschallen. Frei, kräftig, leuchtend, wie früher.
Ich habe Taufen begleitet, bei denen ein Kind zum ersten Mal in diese Kirche getragen wurde, klein wie ein Bündel Hoffnung. Ich habe Brautleute empfangen, geschniegelt und aufgeregt, während unten einer heimlich das Taschentuch gezückt hat. Ich habe an Weihnachten gespielt, wenn die Kirche voll war und schon beim ersten Akkord etwas durch den Raum ging, das größer war als bloß Musik.
Und ich habe auch die anderen Tage erlebt. Die stillen. Wenn ein Sarg draußen stand und das Dorf plötzlich leiser war. Wenn einer ging, den viele gekannt hatten. Dann musste ich anders sprechen. Nicht groß, nicht festlich. Nur tragen. Trösten. Aushalten helfen. Das kann eine Orgel auch.
Und dann war da immer wieder die Kantorei: Ach, meine Sänger. Wie oft hab ich sie getragen, wie oft haben sie mich getragen. Ich kenne ihre Stimmen, ihre Einsätze und auch die schiefen Töne. Ich kenne die alten Lieder, die sie mit dem WaStrie gesungen haben. Manche davon stecken mir noch in den Pfeifen, wenn man so sagen darf. Da war Leben drin, Glaube, Streit, Freude, ein bisserl Trotz und ganz viel Herz. So etwas klingt nach, auch wenn der letzte Ton längst verklungen ist.
Aber jetzt geht es mir nimmer recht gut. Von außen steh ich noch da, geschniegelt wie eh und je. Aber innen drin schaut’s anders aus. Staub liegt in mir, wo Luft sein sollte. Schmutz hat sich festgesetzt in Winkeln, wo einst der Klang zuhause war. Manche Teile sind müde geworden, alte Membranen, Leder, elektrische Dinge, die über Jahrzehnte treu gedient haben und jetzt halt auch einmal sagen: Es reicht.
Und ja: Da und dort schimmelt’s schon. Eine Orgel schämt sich fast, so etwas zu sagen. Aber es ist halt, wie es ist. Man sieht es nicht gleich. Doch ich spür’s. Ich atme schwerer. Es knirscht, wo es früher leicht ging. Es klingt nicht mehr so frei, wie ich gern möchte. Und manchmal fürchte ich mich fast vor dem Gedanken, dass aus einem Räuspern irgendwann ein Schweigen werden könnte. Das wär schade, nicht bloß um mich, sondern um all das, was ich tragen durfte. Denn ich bin nicht bloß Holz, ein bisschen elektrischer Draht und Pfeifen. Ich bin ein Stück dieser Kirche und ein Stück Malgersdorf. Ein Stück eurer Festtage und eurer Trauertage. Ein Stück von Stimmen, Gebeten, Glockenklang und alten Liedern.
Und wenn oben im Turm wieder die Glocken anlaufen, dann möcht ich ihnen gern noch viele Jahre antworten können - mit meinem Glockenspiel und mit meinen Fanfaren, halt mit allem, was in mir steckt: so wie früher.
Helfts mit, dass i net verstumm, sondern wieder g’scheit aufspuin ko.